Ob Lager, Baumarkt oder Produktionsbetrieb. Staplerfahrer werden immer gerne eingestellt, außerdem ist der Staplerführerschein eine sinnvolle Zusatzqualifikation. Das dachte sich auch meine Freundin und so hat sie sich für den Kurs angemeldet.

Der große Tag war gekommen, um 8 Uhr sollte es losgehen. Etwas aufgeregt weil sie nicht wusste was sie da erwarten würde, machten wir uns auf den Weg. Früh genug, damit ein möglicher Stau nicht zu einer Verspätung führen würde. Überpünktlich um 07:30 Uhr habe ich sie vor dem WIFI abgesetzt.

Andere Kursteilnehmer hatten da weniger Ambitionen pünktlich zu erscheinen. Die letzten trudelten erst gegen 08:30 ein! Als Kursleiter hätte ich ja jeden verspäteten Teilnehmer um eine Erklärung gebeten, aber gut. Hätte wohl aber sowieso nicht viel gebracht, denn recht schnell zeigte sich, dass es ein weiteres Problem geben würde.Die Verständigung!

Es wird schwierig

Man sollte meinen, wer in Österreich einen Kurs besucht, welcher auf Deutsch und mit Unterlagen in Deutsch abgehalten wird, verfügt zumindest über Grundkenntnisse dieser Sprache. Dem ist halt nur leider nicht so.
Als der Kursleiter die Anwesenden darauf hinweist, dass man nach Aufruf seines Namens nach vorne kommen und sich die Kursunterlagen abholen sowie Schreibmaterial nehmen kann, ist übrigens bereits fast eine ganze Stunde vergangen. Einer der Teilnehmer geht vor, schaut den Kursleiter fragend an und bleibt stumm vor ihm stehen.

Auf Nachfrage des Vortragenden, ob er alles verstanden hätte, kommt als Antwort: ,,Hubstapler?“.
Es stellt sich schnell heraus, dass etwas 50% der Kursteilnehmer kaum Deutsch sprechen.
Der Kurs umfasst 2 Tage trockene Theorie und Mathematik. Einige Tage danach folgt die Praxis und noch am gleichen Tag die Prüfung. Das Lernmaterial umfasst über 70 Seiten plus Übungsbeispiele.
Wie das ohne entsprechende Sprachkenntnisse gehen soll? Gute Frage!

Laut WIFI umfasst der Kurs:

  • Allgemeines über den Betrieb von Hubstaplern
  • Vorschriften und Normen
  • Grundlagen der Mechanik
  • Elektrotechnik und Hydraulik des Hubstaplers
  • Aufbau des Hubstaplers
  • Sicherheitseinrichtungen des Hubstaplers
  • Hubstaplerbetrieb
  • Praktisches Fahren und Arbeiten mit dem Hubstapler

Tag 1

Der erste Tag kostet, als es dann mal endlich beginnen kann, allen Beteiligten Nerven. Dem Kursleiter weil er alles sehr langsam erklären und einfachste Dinge mehrfach wiederholen muss. Den Kursteilnehmern, je nach Sprachkenntnis, weil sie einfach nicht verstehen worum es geht oder weil sie es schon lange verstanden haben und zwischenzeitlich sinnlos herumsitzen und warten müssen.

Manche schauen am Handy, andere beginnen zu zeichnen. Wieder andere sitzen – mit FFP2 Maske und ausreichend Abstand – daneben und verzweifeln an einfachsten Dingen.
Dazu kommt, dass der Vortrag sehr trocken und monoton gehalten ist, das wirkt furchtbar einschläfernd.

Abwechslung bietet nur das kurze Fotoshooting. Ein ordentliches Ausweisfoto mitbringen für den Führerschein? Nein beim WIFI läuft das anders. Wie ein Verbrecher stellt man sich mit Namensschild (damit der Kursleiter später die Namen zuordnen kann) vor eine Wand und wird mit einer Digitalkamera fotografiert. Dem entsprechend sehen dann die Fotos aus…

Nach Pausen das bereits bekannte Pünktlichkeitsproblem. Es ist absolut mühselig! Die Stimmung steigt erst, als es endlich auf 17 Uhr zugeht, denn das Ende ist in Sicht. Zumindest für diesen Tag.

Am Abend ist unser Gesprächsthema Nr. 1 dieser Kurs. Vor allem ein Teilnehmer blieb meiner Freundin in Erinnerung. Er kann so schlecht Deutsch, dass er ständig eine Übersetzung durch einen anderen Teilnehmer benötigt. Da stellen wir uns natürlich die Frage, wie hoch ist die Erfolgsquote des Kurses. Und falls er, wie auch immer das geschehen soll, die Prüfung schaffen sollte, wie soll er zukünftig Vorschriften einhalten die er gar nicht versteht?

Tag 2

Der 2. Tag beginnt, wie könnte es anders sein, wieder mit einer Verspätung einiger Kursteilnehmer. Irgendwie interessant, dass es gerade die Personen sind, die an sich schon kaum mitkommen und ständig den Kurs verlangsamen! Es geht ständig Zeit verloren.
Verschärft wird das Zeitproblem durch schwer lesbare Folienpräsentationen. Je nachdem wo im Raum man sitzt, erkennt man fast gar nichts. Doch das große Leiden beginnt jetzt erst…

Es folgen Lastendiagramm und Rechenbeispiele. Das ist keine höhere Mathematik und sollte für jeden mit Hauptschulabschluss locker zu schaffen sein. Zumindest wenn man die Ausführungen des Kursleiters verstehen würde! Da kommt nun wieder das Sprachproblem durch und dann wird es richtig schlimm.
Etwa die Hälfte der Teilnehmer versteht die Erklärung der Rechenbeispiele nicht, damit sind die Aufgaben natürlich auch nicht lösbar.

Immer und immer wieder wird das gleiche erklärt, eine Tortur für alle die gut mitkommen und wieder warten müssen. Der Kursleiter gibt sich alle Mühe, erklärt ständig die gleichen Dinge und nimmt sich die Zeit für Übungsbeispiele. Leider mit nur mäßigem Erfolg.
Am Ende wirkt er frustriert. Denn er bietet an, nach Kursende noch zu bleiben um für Fragen und Hilfestellung zur Verfügung zu stehen. Angenommen wird dieses Angebot jedoch nicht!

Eine Mischung aus Erheiterung und Ungläubigkeit kommt auf, als der Kursleiter fragt, ob es im Kurs auch Schwarzfahrer gibt. Einige Teilnehmer heben die Hand.
Einer der sich gemeldet hat soll am Tag der praktischen Ausbildung den Stapler aus dem Keller fahren. Der Kursleiter meint, er wäre dazu Aufgrund einer Beinverletzung nicht in der Lage. Ja doch, sehr beruhigend…

Bereits in 4 Tagen wird der praktische Teil folgen, am gleichen Tag dann die mündliche Prüfung.
Am Wochenende steht Lernen auf dem Programm. Sowohl der technische als auch der rechtliche Teil enthält viel Lernstoff. Ich helfe mit simulierten Prüfungen und frage mich dabei immer wieder, wie das jemand schaffen soll, der die Sprache nicht beherrscht.

Tag 3 – Der Tag der Wahrheit

Der letzte Tag beginnt wieder um 8:00 Uhr und mit einem kleinen Wunder. Alle Teilnehmer sind pünktlich!

Die praktische Ausbildung findet auf einem kleinen abgesperrten Bereich am Parkplatz beim WIFI statt.
Ein Kursteilnehmer – jemand mit praktischer Erfahrung dessen Staplerschein in Österreich jedoch nicht anerkannt wird – holt den Hubstapler. Dann muss jeder 2 Paletten von einem Stapel auf einen anderen Stapel heben. Schon dabei wird klar, dass manche auf Sicherheit und Vorschriften pfeifen. Da kennt man sofort die Schwarzfahrer heraus. Nach der kurzen Übung folgt eine längere Pause.

Da es in diesem Punkt bei vielen noch Probleme gibt, wird nach der Pause noch einmal das Lastendiagramm wiederholt und geübt. Der Kursleiter gibt sich wieder viel Mühe, doch einige haben es noch immer nicht verstanden… gelernt wurde am Wochenende offensichtlich nicht bzw. scheiterte es – mal wieder – am verstehen des Textes. Einige nehmen jetzt erst das Buch zur Hand und versuchen noch schnell zu lernen.

Um 14 Uhr startet die Prüfung. Der erste Teil ist schriftlich und relativ einfach. Masse errechnen, Lastenschwerpunktabstand, erlaubte Hubhöhe aus dem Diagramm ablesen, manche scheinen bereits dabei zu verzweifeln. Das ist besonders unverständlich, da kurz vor der Prüfung noch ein Übungsbeispiel mit ähnlichen Werten durchgenommen wurde.

Es folgt der mündliche Teil der Prüfung. In Gruppen zu 5 Personen werden die Teilnehmer abgefragt, während die anderen am Gang warten müssen. Neben den Kursteilnehmern befinden sich im Prüfungsraum noch der Kursleiter und ein Beisitzer. Alle tragen eine FFP2 Maske, dass ist aber auch schon das einzige was richtig gut funktioniert.

Als meine Lebensgefährtin endlich an der Reihe ist, ist es bereits nach 16 Uhr! Sie erfährt von anderen Teilnehmern, dass es so lange dauert, weil manche noch nicht einmal die Prüfungsfragen verstehen.
Sie ist, aufgerufen wird nach Alphabet, in der letzten Gruppe. Dieses Mal sind es aber 8 Personen, die Prüfer wollen nämlich auch endlich mal fertig werden.

Der Reihe nach werden den Kursteilnehmern Fragen vom Kursleiter gestellt. Ab und an fragt auch der Beisitzer etwas.
Dabei ist schnell klar, warum es so schleppend läuft. Wie bereits der andere Teilnehmer sagte, manche können nicht einmal die Frage verstehen, geschweige denn darauf antworten. Nicht einmal mit viel Hilfe und Geduld des Kursleiters! Teilweise wird etwas komplett anderes geantwortet als gefragt wurde.

Nach mehr als 1 Stunde ist die Prüfung noch immer am laufen und meine Freundin nur noch genervt. Einige andere in der Prüfungsgruppe halten die ganze Prüfung auf, die Prüfer sind viel zu nachsichtig und helfen immer wieder. Doch es hilft alles nichts, ohne ausreichende Deutschkenntnisse kann es halt einfach nicht funktionieren.

Dann reicht es ihr endgültig. Sie erklärt den Prüfern, dass sie endlich mal nach Hause gehen möchte und falls sie noch Fragen an sie hätten, sollen sie diese an sie stellen, aber noch länger möchte sie einfach nicht sinnlos herumsitzen. Zugegeben, ich hätte das Gesicht der Prüfer in diesem Moment gerne gesehen!
Jedenfalls waren die Herren dezent überrascht, haben ihr eine letzte Frage gestellt und dann wurden ihr auch schon das Zertifikat und der Staplerführerschein überreicht.

Wie viele der Teilnehmer die Prüfung nicht bestanden haben, wissen wir nicht. Im Durchschnitt liegt die Durchfallquote, laut Kursleiter, bei 10-15 Prozent. Sollte sie bei diesem Kursdurchgang nicht höher sein, grenzt das an einen handfesten Skandal!