Unbezahlte Stunden, unterbesetzte Filialen und enormer Leistungsdruck sind zur Normalität geworden. Dazu kommen freche und teils auch aggressive Kunden.

Es gibt kaum eine Branche, in der es keine Missstände gibt. Doch der Handel hat es offensichtlich perfektioniert, seine Angestellten systematisch auszubeuten. Wer nicht mitspielt oder nicht mehr kann, wird gnadenlos aussortiert.

Danke

Wir selbst haben zusammen über 30 Jahre Erfahrung im Einzelhandel. Praktikum, Lehre, Teilzeitstelle, Vollzeitstelle, Filialleitung, Bezirksleitung und auch den selbstständigen Betrieb eines Fachhandels können wir vorweisen.

Doch selbst das hat uns für diesen Artikel noch nicht gereicht. Also haben wir Gespräche mit vielen (ehemaligen) Handelskollegen geführt. So haben wir ein umfassendes Bild erhalten und für die offenen Berichte möchten wir uns an dieser Stelle besonders bedanken!

Wer ist betroffen?

Es betrifft Angestellte unzähliger Betriebe, unabhängig von der Firmengröße. Denn der Konkurrenzkampf wird immer härter. Die großen Konzerne wollen den Gewinn maximieren, die kleinen Händler kämpfen um die nackte Existenz. Ausbaden müssen es die Angestellten, vom Lehrling bis zum Filialleiter!

Lehrlinge

Eine Lehre zu machen bedeutet oftmals, als billige Arbeitskraft angesehen zu werden. Viele Lehrlinge haben uns berichtet, dass sie hauptsächlich in einer einzigen Abteilung eingesetzt wurden und einige mussten bereits im 1. Lehrjahr tagelang alleine auskommen.

Auszubildende werden eingesetzt um Krankenstände und Urlaubszeiten zu überbrücken, also Personalmangel auszugleichen. Die Lehrlingsausbilder stehen selbst oft unter massivem Stress. Darunter leidet die Ausbildung enorm.

Teil- und Vollzeitkräfte

Um Kosten zu sparen, wird möglichst wenig Personal eingesetzt. So ist es keine Seltenheit, in Filialen von Discountern und 1 Euro Shops auf nur 1-2 Verkäufer auf Flächen von mehreren Hundert Quadratmetern zu treffen. Wobei „Verkäufer“ eigentlich die falsche Bezeichnung ist. Denn zu den Aufgaben der Mitarbeitern gehören häufig Bestellungen, Warenübernahme, Regalbetreuung, Kassieren und Reinigung.

In Baumärkten sieht es ähnlich aus. Ganze Abteilungen sind unbesetzt, wenn Krankenstände und Urlaubszeit zusammentreffen. Aus eigener Erfahrung können wir berichten, dass es durchaus üblich ist, dass mehrere kleine Abteilungen von einer einzigen Person betreut werden!

Die Mitarbeiter in den Abteilungen müssen auch für die Kassenkräfte erreichbar sein. Denn oft fehlt ein Preisetikett oder es ist nicht mehr lesbar. Dann kommen Anrufe wie „ich habe hier so ein langes, graues Teil aus Plastik und brauche die Artikelnummer“.
Macht sich der Kunde nicht selbst auf den Weg in die Abteilung, bleibt oft nur, dass sich der Mitarbeiter den Artikel bei der Kasse selbst ansieht um die Artikelnummer herauszufinden. Benötigt nun auch noch ein Kunde eine längere Beratung, ist das Chaos perfekt.

Der Personalmangel wird dadurch verstärkt, dass viele neue Arbeitskräfte innerhalb weniger Tage bzw. Wochen wieder kündigen, da die Belastung enorm ist.
Kassierkräfte die bereits am 2. Tag alleine kassieren müssen, jedoch viele Vorgänge (Anzahlungen, Gutschriften, Lieferscheine usw.) nicht gezeigt bekommen haben, weil die Zeit dafür nicht reicht, sind durchaus normal.

Verkürzte Pausenzeiten, Angestellte die aus dem Urlaub zurückgerufen werden und 50 Wochenstunden Arbeitszeit sind ebenfalls keine Seltenheit.
Weiters werden Mitarbeiter spontan in andere Abteilungen versetzt um dort fehlendes Personal zu ersetzen. Für Einschulungen ist da natürlich keine Zeit.

Abteilungs- und Filialleiter

Der Druck auf Führungskräfte ist enorm. Jede Filiale muss sich rentieren. Die Zeiten, in denen defizitäre Filialen mitgeschleppt wurden, sind längst vorbei. Die einzelnen Filialen werden mit einander verglichen, Höchstleistungen erwartet.

Abteilungsleiter leisten oftmals selbst Überstunden ohne Ende, um ihre Abteilung mit wenig Personal in ordentlichem Zustand zu halten. Gelingt das nicht, wird mit Lohnkürzungen und sogar Kündigung gedroht.

Filialleiter bekommen zum Teil ein exakt vorgegebenes Budget. Sie müssen nicht nur mit dem Geld auskommen , sondern erhalten teilweise sogar noch Prämien, wenn sie mit weniger auskommen. Für zu geringen Umsatz wiederum müssen sie persönlich Rechenschaft ablegen und mit häufigeren Kontrollen rechnen.

Lohntricks

So manch Unternehmer greift zu mehr oder weniger legalen Mitteln, um die Lohnkosten niedrig zu halten. Hier einige der häufigsten Tricks:

  • Über- und Feiertagsstunden werden falsch verrechnet.
  • Da Filialleiter höher entlohnt werden müss(t)en, werden sie als „Teamleiter“ bezeichnet. Sie tragen dadurch mehr Verantwortung, bekommen jedoch nicht mehr Lohn.
  • Viel Geld geht Arbeitnehmern durch unbezahlte Stunden verloren. So haben wir z.B. selbst erlebt, dass nur die geleisteten Stunden während der Öffnungszeiten bezahlt wurden. Die Vorbereitungszeit am Morgen und Abend (Kassenzählung, Schreibarbeit) wurde jedoch nicht entlohnt weil „das ja dazugehört“.
  • Besonders perfide wird es, wenn Überstunden nicht bezahlt werden, weil sie angeblich nicht angeordnet wurden. In vielen Dienstverträgen steht nämlich, dass Überstunden nur nach (schriftlicher) Anordnung geleistet werden dürfen. In der Praxis sind Überstunden alltäglich und die wenigsten trauen sich, eine Anordnung schriftlich zu verlangen.

Der Kunde ist König

Das erklärte Ziel aller Handelsbetriebe ist natürlich, Gewinn zu erwirtschaften. Man ist also auf jeden Kunden angewiesen. Negative Bewertungen, Kundenbeschwerden oder gar einen Shitstorm, kann kein Unternehmen brauchen.
So wird alles dafür getan, König Kunde zufriedenzustellen. Auch auf dem Rücken der eigenen Mitarbeiter!

Es gehört zum Alltag von Handelsangestellten, sich von Kunden anschnauzen und beleidigen lassen zu müssen. Kundenbeschwerden werden mit (vorgefertigten) Entschuldigungen und teils sogar Gutscheinen beantwortet, selbst wenn der Kunde im Unrecht ist. Hauptsache er kommt wieder.

Ausbeutung

Die bisher von uns zusammengefassten Belastungen sind noch lange nicht alles. Immer wieder gelangen Informationen an die Öffentlichkeit, die man kaum für möglich hält. So ist erst vor kurzem bekannt geworden, dass eine Drogeriekette seinen Angestellten, dass Trinken außerhalb der Pausenzeit verbot.

Häufig wird auch verlangt, Umzüge und Arztbesuche grundsätzlich in der Freizeit zu erledigen. Sind Filialkontrollen oder Inventuren angesetzt, werden Doppelschichten verlangt und freie Tage gestrichen.

Selbst Betriebsmittel und Schreibmaterial wird von den Angestellten teilweise selbst gekauft, weil man Angst hat danach zu fragen oder benötigte Arbeitsmittel einfach nicht zur Verfügung gestellt werden. Woher wir das wissen? Es wurde uns des öfteren berichtet. Und… weil wir selber einmal so dumm waren!

Gerne wird auch die „ihr seid die schlechteste Filiale bzw. Abteilung im Markt“ Karte gezückt. So wird den Mitarbeitern ein schlechtes Gewissen eingeredet um sie noch mehr ausquetschen zu können.

Oder man verspricht Prämien, Lohnerhöhungen usw. wenn bestimmte (Umsatz)Ziele erreicht werden. In einem konkreten Fall wurde einer Abteilungsleitung über 2 Jahre immer wieder eine Lohnerhöhung versprochen und diese immer wieder aus verschiedenen Gründen verschoben. Am Ende gab es dann eine gesetzliche Lohnerhöhung (Kollektivvertrag), diese wurde von den Vorgesetzten als die versprochene Lohnerhöhung deklariert. Nur das diese Erhöhung natürlich jeder Handelsangestellte erhalten hat und nichts mit der persönlichen Leistung zu tun hatte.

Warum lässt man sich das gefallen?

Kurz gesagt, es ist die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, bzw. keine neue Arbeit zu finden. Ändern wird sich deshalb also leider kaum etwas.

Als einzelner Kunde hat man wenig Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der Handelsangestellten. Zumindest kann man aber Verständnis haben, wenn man manchmal etwas warten muss oder nicht immer alles perfekt läuft.

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